Porträt, Saarbrücker-Zeitung 2020 (Deutsch)

Performance-Kunst im Gepäck

Artikel von SARAH TSCHANUN.Saarbruecker-zeitung 2020. Article link: click here
© Christoph Holz

Bahzad Sulaiman erforscht mit Studierenden an der Hochschule der Bildenden Künste wie sich subjektive Wahrnehmung verändert.

„Wie kann man die Distanz zwischen Publikum und Künstler verringern? Wie kann man sie verstärken? Und wie beeinflusst die Gestaltung eines Raumes die Wahrnehmung der Objekte und Körper darin?
“ Diese Fragen stellt sich Bahzad Sulaiman, einst geflohen aus Syrien und derzeit Lehrbeauftragter an der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBKsaar). Mit seiner Performance-kunst möchte er zeigen, wie sich die subjektive Wahrnehmung verändern kann.

„Menschenhaufen“, die sich auf der Bühne verknoten und wieder auflösen, nennt er zum Beispiel „Die Konvulsion“. Also eigentlich ein mit schüttelnden oder zuckenden Bewegungen einhergehender Krampf.

Er stellt diesen mit seinen Performern dar, die zusammen einen großen Körper bilden, der zittert und lebendig wirkt. Jeder einzelne Körper für sich gesehen bewegt sich rhythmisch.

Der Menschenhaufen als Ganzes wirkt aber unvorhersehbar, da sich die einzelnen Menschen spontan umeinander schlingen und bewegen. „Chaos und Balance gleichzeitig“, erklärt Bahzad Sulaiman.

Performance ist eine Kunstform, die als eigene Richtung seit den 1960er-Jahren existiert und sich auch als „Antithese“ zum klassischen The ater versteht. Sie ist situationsbezogen und vor allem vergänglich. Denn oftmals wird sie eher als „Versuchsaufbau“ des Künstlers verstanden, die tatsächliche Bewegung findet dann spontaner statt als bei der Aufführung eines Theaterstückes und wird meist nicht identisch wiederholt.

Bahzad Sulaiman ist mit 29 Jahren einer der jüngeren Künstler, die international unterwegs sind. Er hat unter anderem in Belgien, Österreich, Schottland, der Türkei und Syrien Kunst gemacht. Dieses Jahr warer eingeladen zu einem internationalen Skulpturen-Symposium in Tokio, doch Corona hat Sulaiman einen Strich durch die Rechnung gemacht.

„Als Künstler versuche ich, diese neuen Eindrücke in meiner Arbeit zu verarbeiten. So habe ich mich in dieser Zeit mit dem Filmen meines eigenen Körpers und dessen Veränderungen über einen Monat hinweg beschäftigt und ein Video daraus gemacht.“

Mittlerweile kann er wieder direkt mit seinen Studenten zusammenarbeiten, denn er gibt für die HBK ein Performance-Seminar. Im aktuellen Programm geht es auch um den Einbezug von Naturräumen und um die Wahrnehmung von Körpern in der Natur.

„Ich habe mit den Seminarteilnehmern so das aktuelle Thema Social Dinstancing durchgenommen. Wir sind an der Saarschleife spazieren gegangen und haben unterwegs geschaut, wie sich unsere Wahrnehmung voneinander und vom natürlichen Raum verändert, wenn wir 1,5 Meter Abstand halten“, erklärt er.

„Wir haben als Abstandsmaß einen Ast genutzt und jeweils ein Ende festgehalten. Dann haben wir dasselbe mit einem Seil gemacht. Dabei muss man natürlich an beiden Seiten ziehen,um es stramm genug zu halten. Die Distanz wird so ganz anders wahrgenommen, als, wenn sie von einem festen Körper wie einem Ast bestimmt wird.“ Vor allem Sensibilität für solch feine Wahrnehmungsunterschiede lernen die Studenten bei ihm.

Bahzad Sulaimans Weg zur Performance hat sich Stück für Stück zusammengefügt.
„Ich habe in Damaskus einen Bachelor-Abschluss in Bildhauerei gemacht und dann noch einen weiteren in Szenografie. Beides habe ich nun während des Master-Studiums der Freien Kunst an der HBK zu meiner Art der Performance-Kunst vereint.“

Der gebürtige Syrer versucht immer, etwas von seiner kurdischen Kultur einzubringen, die kulturelle Vielfalt ist auch das was ihn in Saarbrücken hält. Er plant, bald mit seiner Doktorarbeit zu Performance beginnen.

„Ich bin hier unglaublich gut unterstützt worden. Als ich hier ankam, hat Irene Özbek vom Rotary-Club Homburg-Saarpfalz mir sehr geholfen. Die Saarlouiser Künstlerin Elvira Porn hat mir ermöglicht, in ihrem Atelier zu arbeiten.

“ Er möchte hierbleiben und Performancekunst bekannter machen. „Ich lebe wirklich gerne hier im Dreiländereck. Und ich habe selbst bisher keinen Rassismus erfahren in Saarbrücken, ganz im Gegensatz zu anderen deutschen Städten.“

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